Was ist Biografiearbeit?

Herta Schindler

Was ist Biografiearbeit?

von Herta Schindler

Für wen ist Biografiearbeit gut?
Biografiearbeit bietet sich in individuellen Übergangsphasen und Krisenzeiten zur Klärung und Stärkung an.
In der Arbeit mit älteren und alten Menschen dient Biografiearbeit der Lebensbilanzierung.
In gesellschaftspolitischen Kontexten wird sie eingesetzt, um Ortsgeschichten und zeitgeschichtliche Themen zu rekonstruieren.
Im psychosozialen Bereich bietet Biografiearbeit gute Zugänge zum ressourcenorientierten Arbeiten mit Klienten.
In der Arbeit mit der vom Jugendamt finanzierten ambulanten Familien- und Jugendhilfe gewinnt Biografiearbeit zunehmend an Bedeutung. Sie spielt z.B. in der Arbeit mit denjenigen Kindern und Jugendlichen eine Rolle, die in ihren Familien und in ihrem eigenen, erst kurzen Leben bereits viele Abbrüche erfahren und kein stabiles Gefühl von Kontinuität entwickeln konnten.
In der Arbeit mit Pflegekindern und Adoptivfamilien unterstützt Biografiearbeit den Identitätsklärungsprozess.
Im Wirtschaftsbereich findet Biografiearbeit als Storytelling ihren Platz und ergänzt Coaching-Kompetenzen.
Und schließlich ist Biografiearbeit für all jene geeignet, die sich mit wachem Interesse und innerem Antrieb dem eigenen Leben, der Familiengeschichte und der transgenerationalen Dynamik zuwenden wollen.

Wer betreibt Biografiearbeit?
Mentorinnen und Mentoren für Biografiearbeit kommen aus Arbeitsfeldern, in denen Lebensgeschichten von Menschen eine Bedeutung gegeben wird. Das sind zum Beispiel Fachkräfte aus dem psychosozialen Bereich wie SozialpädagogInnen, Therapeutinnen und PsychologInnen, Hospizmitarbeitende und ErzieherInnen, sowie PfarrerInnen, JournalistInnen, PersonalentwicklerInnen und andere.

Ausgangspunkt Gegenwart
Die Beschäftigung mit Biografien, der eigenen oder der von anderen, ist die Beschäftigung mit dem Leben des jeweiligen Menschen. Und da das Leben der Menschen sich in der Zeit abspielt, ist es eine Beschäftigung mit dem Leben in der Gegenwart, der Vergangenheit und der Zukunft. Der Anlass für die Beschäftigung mit der Biografie liegt in der Gegenwart. In ihr entstehen Veränderungen der Lebenssituation, Fragen die uns umtreiben und damit einhergehend ein Interesse, den roten Faden des eigenen Lebens zu entdecken und in die Hand zu bekommen. Der Impuls zur Biografiearbeit oder der Wunsch danach gehört somit zum gegenwärtigen Erleben.

Suche nach Zusammenhängen in der Zeit
Biografiearbeit setzt somit in der Gegenwart, beim momentanen Anliegen, an. Von da aus fördert die Biografiearbeit einen Rückblick auf die Vergangenheit und unterstützt die Suche nach Zusammenhängen und regt zu Verflechtungen unterschiedlicher Ebenen und Erfahrungen an – immer in Bezug auf die Fragestellung oder Situation, die sich aus der Gegenwart ergeben. Im Weiteren richtet sie ihre Aufmerksamkeit in die Zukunft und fragt nach den Perspektiven, die mit der Entwicklung des biografische Prozesses verbunden sind, nach möglichen Handlungs- und Entwicklungsschritten, nach einem Horizont, auf den man zugeht bzw. zugehen will.

Biografie ist Gestalt in der Zeit
In einer Biografie spannen wir somit einen Bogen durch die Zeit. Durch diesen Bogen wird das gelebte Leben verwandelt in erzähltes Leben. Es wird als Gestalt sichtbar.

Worterläuterung
Das Wort Biografie setzt sich aus „Bios“ und „Graphie“ zusammen. „Bios“ bedeutet Leben, und „Graphie“ Niederschrift, Aufzeichnung. Im Bild gesprochen können wir sagen, eine Biografie entsteht, indem man aus dem Fluss des Lebens schöpft und damit Erlebtes in eine Form bringt, sie in Erfahrung überführt.

Wer (oder was) hat eine Biografie?
Damit ist die Frage gestellt, ob Menschen dadurch, dass sie ihr Leben leben, auch selbstverständlich eine Biografie haben. Eine interessante Frage: Kommt uns Menschen eine Biografie zu, indem wir leben, oder ist Biografie etwas, das entsteht, indem wir das, was wir leben, mit Bewusstsein durchdringen und ihm damit Gestalt geben?
Lassen sich beide Aspekte überhaupt trennen?
Eine Biografie ist immer das Ergebnis einer aktiven Tätigkeit in Bezug auf das eigene Leben, die dem tief eingewurzelten Bedürfnis folgt, das Erlebte in Sinnzusammenhänge zu stellen. Eine Biografie erscheint uns umso umfassender, je mehr Ebenen miteinander in Beziehung gesetzt wurden und je mehr Erfahrungen in die Bedeutungsgebung mit einbezogen werden. Es ist also begründet, dass wir in Bezug auf die Biografie von Arbeit, also von Biografiearbeit, sprechen.

Die Zukunft ist ungewiss und die Vergangenheit ändert sich ständig – Perspektivwechsel in der Biografiearbeit
Aus der jeweiligen Gegenwart heraus zeigen sich Ereignisse der Vergangenheit in stetig variierenden Zusammenhängen, ihr Bedeutungsgehalt und damit ihre Wirksamkeit wandelt sich. Ein Ereignis, das in einer bestimmten Lebenssituation als Verlust erlebt wird, zeigt aus einer anderen Zeitperspektive seinen befreienden Charakter. In der Biografiearbeit unterstützen wir die Wahrnehmung dieses Phänomens.
Wir fragen danach, wie ein Mensch sein Leben so durchdringen kann, dass es in seiner konstruktiven Gestalt sichtbar wird, sowohl für ihn selbst als auch für diejenigen, mit denen er sich verbunden fühlt.
Statt der Übersetzung des Wortes „Biografie“ in „Lebensniederschrift“ bevorzuge ich eine davon leicht differenzierte Variante: In dem Wort Niederschrift kommt uns das Festgeschriebene entgegen, als wäre eine Biografie nach vorne, in die Zukunft, geöffnet, aber nach hinten, in der Vergangenheit, feststehend.
Ich empfehle deshalb, „Biografie“ mit Lebenssprache zu übersetzen. Diese Übersetzung öffnet den Raum dafür, dass wir in immer umfassenderen Sinne begreifen können, was wir gelebt haben und leben und dass wir in immer weiteren Dimensionen erkennen, in welchen Bedeutungszusammenhängen Ereignissen ein Platz zukommt. Wir kennen es alle von uns selbst: Es bleibt spannend, sich mit dem eigenen Leben zu beschäftigen. Es gibt immer neue Ebenen der Erkenntnis und Formen des Erzählens und dadurch auch immer wieder neu das Bedürfnis, sich des eigenen Gewordenseins zu vergewissern.

Biografie und Konstruktivismus
Können wir unser Leben konstruieren? Ist es uns freigestellt, wie wir darauf schauen?
Wie hat sich unser Blick auf unser Leben entwickelt?
Was ist faktisch, was veränderbar?
Dieses Spannungsverhältnis zwischen Realität (des Faktischen) und Gestaltung (durch Sinngebung) konstruktiv zu machen, ist Teil der Biografiearbeit.

Chronos und Bios – zwei tragende Säulen der Biografie
Es gibt zwei tragende Strukturen in der Biografie.
Die eine ist die chronologische Struktur. In ihr folgt ein Ereignis auf ein anderes in der Abfolge der Zeit. Neben biografischen Daten gehören dazu grundlegende Erfahrungen wie körperliche Entwicklungs- und Alterungsprozesse und Generationszugehörigkeit, also überindividuelle Gestaltungsprinzipien des Lebens. Ebenso können zeitliche Einschnitte wie gravierende politische Ereignisse, Naturkatastrophen etc., die sich prägend auswirken und die von einer großen Gruppe von Menschen als Ereignis das Leben in ein Vorher und Nachher teilen, dazugerechnet werden.
Die zweite Struktur folgt dem Strom des Erzählens. Hier wirkt Bios, das lebendige, individuelle Leben, das in Geschichten erzählt wird. Geschichten haben die Tendenz, eher Themen und der freien Assoziation zu folgen als der zeitlichen Abfolge.
Zu der Erarbeitung von biografischen Erzählungen gehört es, sowohl der Chronologie der Abfolge als auch dem Strom des Erzählens Raum zu geben.
Welcher Aspekt in den Vordergrund tritt, ist u.a. abhängig vom Anlass der Biografiearbeit.
Manchmal treffen wir auf Menschen, die sehr viele Geschichten präsent haben bzw. vom Strom der Assoziationen weggetragen werden; dann wieder gibt es Personen, die Daten und Abfolgen klar vor Augen haben, aber wenig Zugang zu ihren Erlebnissen mitbringen. Unter Zuhilfenahme kreativer Methoden werden in der Biografiearbeit beide Aspekte miteinander entwickelt, so dass allmählich ein vertieftes Bild und vertiefte Selbstreflexion entstehen. Sich wiederholende Themen in unterschiedlichen Lebensfeldern und transgenerationalen Mustern werden entdeckt, ein roter Faden wird sichtbar. Die Biografiearbeit ermöglicht es, dieses Thema aufzugreifen, innerlich zu bewegen und weiterzuentwickeln.

Biografiearbeit als schöpferische Tätigkeit
Biografiearbeit ist eine Tätigkeit, in der gelebtes Leben durchgestaltet und zum Ausdruck gebracht wird, damit stellt sie einen schöpferische Akt dar.
Für diese Hervorbringung braucht es Gestaltungsmedien: schreiben, erzählen, malen, filmen, tanzen, fotografieren, rappen. Entstehen können dabei Erinnerungskisten, Lebensbücher, Fotocollagen, Texte, Begegnungen und vieles mehr. Durch Biografiearbeit wird der Welt etwas hinzugefügt: das was man durch die Beschäftigung mit dem Thema neu geschaffen hat; das was dem großen Fluss des Lebens, dem immerwährenden Augenblick, der auch schon vorüber ist, abgerungen wurde und was Gestalt gewonnen hat. Und dies ist, was auch immer die konkreten biografischen Themen sind, eine erfüllende und befriedigende Erfahrung. Und die gehört nun auch zur Biografie dazu.