Was ist eigentlich Biografiearbeit?

Herta Schindler

Was ist eigentlich Biografiearbeit?

von Herta Schindler

Ausgangspunkt Gegenwart
Die Beschäftigung mit der Biografie, der eigenen oder der eines anderen, ist immer die Beschäftigung mit dem Leben des jeweiligen Menschen. Und da das Leben der Menschen sich in der Zeit abspielt, ist es eine Beschäftigung mit dem Leben in der Gegenwart, der Vergangenheit und der Zukunft. Der Anlass für die Beschäftigung mit der Biografie liegt in der Regel in der Gegenwart. In ihr entstehen Veränderungen der Lebenssituation, Fragen die uns umtreiben und damit einhergehend ein Interesse, den roten Faden des eigenen Lebens zu entdecken und in die Hand zu bekommen. Der Impuls zur Biografiearbeit oder der Wunsch danach gehört somit zum gegenwärtigen Erleben.

Suche nach Zusammenhängen in der Zeit
Biografiearbeit setzt somit in der Gegenwart, beim momentanen Anliegen, an. Von da aus fördert die Biografiearbeit einen Rückblick auf die Vergangenheit und unterstützt die Suche nach Zusammenhängen und regt zu Verflechtungen unterschiedlicher Ebenen und Erfahrungen an – immer in Bezug auf die Fragestellung oder Situation, die sich aus der Gegenwart ergibt. Im Weiteren richtet sie ihre Aufmerksamkeit in die Zukunft und fragt nach den Perspektiven, die mit der Entwicklung des biografische Prozesses verbunden sind, nach möglichen Handlungsschritten, nach möglichen Entwicklungsschritten, nach einem Horizont, auf den man zugeht bzw. zugehen will.

Biografie ist Gestalt in der Zeit
In einer Biografie spannen wir somit einen Bogen durch die Zeit. Durch diesen Bogen wird das gelebte Leben verwandelt in erzähltes Leben. Es wird als Gestalt sichtbar.
Worterläuterung
Das Wort Biografie setzt sich aus „Bios“ und „Graphie“ zusammen. „Bios“ bedeutet Leben und „Graphie“ Niederschrift, Aufzeichnung. Im Bild gesprochen können wir sagen, eine Biografie entsteht, indem man aus dem Fluss des Lebens schöpft und damit Erlebtes in eine Form bringt, sie in Erfahrung überführt.

Wer (oder was) hat eine Biografie?
Damit ist die Frage gestellt, ob Menschen dadurch, dass sie ihr Leben leben, auch selbstverständlich eine Biografie haben. Eine interessante Frage: Kommt uns Menschen eine Biografie zu, indem wir leben, oder ist Biografie etwas, das entsteht, indem wir das, was wir leben, mit Bewusstsein durchdringen und ihm damit Gestalt geben?
Lassen sich beide Aspekte überhaupt trennen?
Eine Biografie ist immer das Ergebnis einer aktiven Tätigkeit in Bezug auf das eigene Leben, die dem tief eingewurzelten Bedürfnis folgt, das Erlebte in Sinnzusammenhänge zu stellen. Eine Biografie erscheint uns umso umfassender, je mehr Ebenen miteinander in Beziehung gesetzt wurden und je mehr Erfahrungen in die Bedeutungsgebung mit einbezogen werden. Es ist also kein Zufall, dass wir in Bezug auf die Biografie von Arbeit, also von Biografiearbeit, sprechen.

Die Zukunft ist ungewiss und die Vergangenheit ändert sich ständig – Perspektivwechsel in der Biografiearbeit
Aus der jeweiligen Gegenwart heraus zeigen sich Ereignisse der Vergangenheit in immer variierenden Zusammenhängen, ihr Bedeutungsgehalt und damit ihre Wirksamkeit wandelt sich. Ein Ereignis, das ich in einer bestimmten Lebenssituation als Verlust einordnen muss, zeigt aus einer anderen Zeitperspektive heraus beispielsweise seinen befreienden Charakter. In der Biografiearbeit unterstützen wie die Wahrnehmung dieses Phänomens.
Wir fragen danach, wie ein Mensch sein Leben so durchdringen kann, dass es in seiner konstruktiven Gestalt sichtbar wird, sowohl für ihn selbst als auch für diejenigen, mit denen er sich verbunden fühlt.
In der Übersetzung des Wortes „Biografie“ als „Lebensniederschrift“ bevorzuge ich eine leicht differenzierende Variante. In dem Wort Niederschrift kommt uns das Festgeschriebene entgegen: Eine Biografie ist nach vorne, in die Zukunft, geöffnet, aber nach hinten, in der Vergangenheit, steht der „Text“ der Ereignisse fest.
Ich empfehle deshalb, „Biografie“ mit Lebenssprache zu übersetzen. Diese Übersetzung öffnet den Raum dafür, dass wir in immer umfassenderen Sinne begreifen können, was wir gelebt haben und leben und dass wir in immer weiteren Dimensionen erkennen, in welchen Bedeutungszusammenhängen Ereignissen ein Platz zukommt. Wir kennen es alle von uns selbst: Es bleibt spannend, sich mit dem eigenen Leben zu beschäftigen. Es gibt immer neue Ebenen der Erkenntnis und Formen des Erzählens und dadurch auch immer wieder neu das Bedürfnis, sich des eigenen Gewordenseins zu vergewissern.

Biografie und Konstruktivismus – Realitäten und Freiheit
Können wir unser Leben konstruieren? Ist es uns freigestellt, wie wir darauf schauen?
Wie hat sich unser Blick auf unser Leben entwickelt?
Was ist faktisch, was veränderbar?
Dieses Spannungsverhältnis zwischen der Realität (des Faktischen) und Gestaltung (durch Sinngebung) und Gestaltung der Realität konstruktiv zu machen, ist ein Teil der Biografiearbeit.

Die zwei tragenden Säulen der Biografie – Chronos und Bios
Es gibt zwei tragende Strukturen in der Biografie.
Die eine ist die chronologische Struktur. In ihr folgt ein Ereignis auf ein anderes in der Abfolge der Zeit. Neben biografischen Daten gehören dazu grundlegende Erfahrungen wie körperliche Entwicklungs- und Alterungsprozesse und Generationszugehörigkeit, also überindividuelle Gestaltungsprinzipien des Lebens. Ebenso können zeitliche Einschnitte wie gravierende politische Ereignisse, Naturkatastrophen etc., die sich prägend auswirken und die von einer großen Gruppe von Menschen als Ereignis das Leben in ein Vorher und Nachher teilen, dazugerechnet werden.
Die zweite Struktur folgt dem Strom des Erzählens. Hier wirkt Bios, das lebendige, individuelle Leben, das in Geschichten erzählt wird. Geschichten haben die Tendenz, eher Themen und der freien Assoziation zu folgen als der zeitlichen Abfolge.
Zu der Erarbeitung von biografischen Erzählungen gehört es, sowohl der Chronologie der Abfolge als auch dem Strom des Erzählens Raum zu geben.
Welcher Aspekt in den Vordergrund tritt, ist u.a. abhängig vom Anlass der Biografiearbeit.
Manchmal treffen wir auf Menschen, die sehr viele Geschichten präsent haben bzw. vom Strom der Assoziationen weggetragen werden; dann wieder gibt es Personen, die Daten und Abfolgen klar vor Augen haben, aber wenig Zugang zu ihren erlebten Geschichten. In der Biografiearbeit gibt es methodische Hilfestellungen, beide Aspekte miteinander zu entwickeln. So kann allmählich ein vertieftes Bild entstehen. Sich wiederholende Themen in unterschiedlichen Lebensfeldern und den Vor-Generationen der eigenen Familie werden entdeckt, ein roter Faden wird sichtbar. Dieses Thema ist so etwas wie ein untergründiger Strom, dass man in die unterschiedlichen Lebensfelder hinein gestaltet. Die Biografiearbeit ermöglicht es, dieses Thema aufzugreifen und weiter zu entwickeln in die Zukunft hinein, wie man es für sich sinnvoll findet.

Für wen ist Biografiearbeit gut?
Biografiearbeit bietet sich in individuellen Übergangsphasen und Krisenzeiten zur Standortklärung an, sie gehört selbstverständlich in den Kontext der Arbeit mit alten Menschen als Lebensbilanzierung. Sie findet statt in sozialen Kontexten, wenn Ortsgeschichte erarbeitet wird oder zu Erzählcafés eingeladen wird. Sie spielt aber auch z.B. in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen eine Rolle und zwar für diejenigen, die in ihren Familien und in ihrem eigenen, erst kurzen Leben bereits viele Abbrüche erfahren und kein stabiles Gefühl von Kontinuität entwickeln konnten.
Biografiearbeit zeigt ihre große Bedeutung in der Arbeit mit Pflegekindern und Adoptionsfamilien und zunehmend auch in der vom Jugendamt finanzierten ambulanten Familien- und Jugendhilfe.
Allgemein bietet sie im psychosozialen Bereich gute Zugänge zum ressourcenorientierten Arbeiten mit Klienten.
Und natürlich ist Biografiearbeit für all jene geeignet, die sich mit Neugier und Lust dem eigenen Leben zuwenden wollen.

Biografiearbeit als schöpferische Tätigkeit – Methoden und Ergebnis
Biografiearbeit ist eine Tätigkeit, in der ich mein Leben durchdringe und gestalte, mithin ein schöpferischer Akt.
Für diesen schöpferischen Akt braucht es ein Gestaltungsmedium.
Gestaltungsmedien können sein: schreiben, erzählen, malen, filmen, Erinnerungskisten herstellen, Lebensbücher verfassen und vieles mehr. Schön ist es, wenn ein Ergebnis der Biografiearbeit etwas ist, was sich in der Hand halten lässt, was der Welt hinzugefügt ist, was man geschöpft, geschaffen hat. Etwas, was ich dem großen Fluss des Lebens, dem immerwährenden Augenblick, der auch immer schon gleich vorüber ist, was ich diesem Fluss abgerungen habe und was Gestalt gewonnen hat. Und das ist, was auch immer ihr Inhalt ist, eine erfüllende und befriedigende Erfahrung. Die der Biografie nun beigefügt ist.