Das Leben feiern – eine biografische Weinprobe

Unter dem Motto „Das Leben feiern“ veranstalteten die TeilnehmerInnen zum Abschluss ihrer Weiterbildung „Biografiearbeit“ am 16. April 2015 in Kassel einen feuchtfröhlichen Abend. Eine Teilnehmerin aus Süddeutschland – Susanne Ringeisen, eine profunde Weinkennerin – hatte den Abend liebevoll akribisch vorbereitet. Sechs Weine und zwei Weinbrände brachte sie zur Verkostung mit. In wohlgesetzten Worten stellte sie die jeweilige Eigenart und Qualität der unterschiedlichen Weine vor und ortnete sie den absolvierten sieben Weiterbildungsmodulen zu. Hier finden Sie das Protokoll des Abends. Es zeigt, dass man auch ganz anders biografisch arbeiten kann.

„An den Übergängen steht das Fest und das Ritual, das dem Unsagbaren einen Ausdruck gibt“, sagte Organisatorin Susanne Ringeisen zu Beginn des Abends. „Dieses Prickeln haben wir im Glas, den Inbegriff des Feierns, des Feierns der Anfänge und der Abschlüsse.“

Der Frühling/Der Beginn

Modul 1: Hineingeboren in Geschichten – Familie und Herkunft als Basis der Biografie

Secco, der Frühling!
Die Geburt, das Heranwachsen, das prickelnde Gefühl eines Neubeginns, sei es eine Idee, die sich formt und ins Handeln kommt, sei es der Beginn einer Arbeit oder eine mich ergreifende Liebe. „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben…“ (Hermann Hesse).

Rieslingsekt
Hergestellt in Sektkellereien nach altem und umfangreichem Verfahren. Eine Kunst für sich! Während der Secco nur einen Druck von 1-2,5 Bar aufweist, zeigt der Sekt 4-4,5 Bar. Dem Secco (Perlwein) wurde die Kohlensäure zugesetzt, beim Sekt durch eigene Gärung erwirkt.

Auch wir hatten einen Anfang: Am 12.Mai 2014 haben wir uns kennengelernt und eine Weiterbildung miteinander begonnen, haben es gewagt uns zu zeigen und uns aufeinander einzulassen. Auch wir wurden aufgefordert das Eigene zu finden, uns zu lösen von Übernommenem, einzutreten in den individuellen Prozess. Auf den Beginn! Darauf, dass wir uns begegnet sind! Und schließen wir alle unsere hier erlebten Neubeginne mit ein!

Der Sommer/Das Wachsen

Modul 2: Des Lebens Lauf: In den eigenen Schuhe gehen – Biografiearbeit als Selbstentwicklung

Der Souvignon Blanc (zwei verschiedene Souvignon Blanc werden verkostet.)
Der Souvignon Blanc hat eine herrliche unverbrauchte Frische, er ist der „Sommer im Glas“. Er steht für Abenteuer und Wagnis, Mut und Fröhlichkeit, Ausgelassenheit und Tanz. Er schmeckt nach Früchten und Blumen und Sonne und immer wieder anders. Er macht Lust auf das Leben.
So hat uns das Modul 2 Lust gemacht auf das Eigene, die Entwicklung des Selbst.

Der Herbst/Das Reifen und Ernten

Modul 3: Die Kunst des Lebens – Biografisches Arbeiten als schöpferischer Akt

Der Riesling
Riesling ist eine Rebsorte, die zu den hochwertigsten und kulturprägenden Weißweintrauben gezählt wird. Sie bringt qualitativ die besten Weine in klimatisch kühleren Weinbaugebieten hervor und wird vor allem in Deutschland, aber auch in zahlreichen Weinbauländern der Erde angebaut. Riesling-Weine genießen ein hohes Ansehen auf den internationalen Märkten. Viele Spitzenlagen im In- und Ausland sind ausschließlich mit Riesling bestockt. Riesling wird in Deutschland nachweislich mehr als 600 Jahre lang kultiviert. Riesling hat eine gute Winterfrostwiderstandsfähigkeit. In Jahren mit sehr guter Holzreife verträgt der Riesling Winterfröste von -20 bis -25 °C! Durch späten Austrieb ist die Rebe wenig spätfrostgefährdet. Die Sorte hat eine geringe Trockenheitsempfindlichkeit. Der Wein ist rassig, lebendig, frisch-elegant, vornehm und adlig. Kennzeichnend ist die typische fruchtige Säure. Erst nach längerem Weinausbau wird die volle Reife des Weines erreicht. Jungweine sind meist noch säurebetont und unharmonisch im Geschmack. Skelettreiche, leichte bis mittelschwere Böden sind am besten geeignet wie zum Beispiel Rankerböden (als Urgesteinsböden bezeichnet). Schwere, nasskalte Böden sind nicht geeignet.

Zwei verschiedene Rieslinge (verschiedene Böden, verschiedene Ausprägung) werden verkostet. Das Reifen ist ein Zurechtkommen mit dem Urgesteinboden. Die Steine und Felsen werden integriert, dürfen sein, haben einen guten Platz. Jeder von uns ist auf anderem Boden gewachsen! Diese Bedingungen machen uns zu dem, was wir sein können, wie beim Wein, mit ganz eigener Ausprägung, Geschmack, Duft, Farbe und Resonanz.

Aus schwerem und nassem Boden, der das Werden verhindert hat, ist der Ausstieg gelungen. Frost und Trockenzeiten werden überstanden. So manche Ernte ist eingefahren. Beschreibungen wie: rassig, lebendig, frisch-elegant, vornehm und adlig sprechen von Charakter und Persönlichkeit. Doch: Erst nach längerem Weinausbau wird die volle Reife des Weines erreicht. Das Reifen und Werden, der Ausbau geht weiter!

Ein Prost auf das Reifwerden, das Herausziehen aus dem, was uns nicht mehr schwer sein muss, auf den guten Umgang mit den Widrigkeiten, auf das „Durch-tönen“ /“Per-sonare“ des ganz Eigenen, der eigenen „Per-son“! Auf: rassig, lebendig, frisch-elegant, vornehm und adlig.

Winter/Die Integration und die Wandlung

Modul 4: Begeistert Leben – Transformation und Transzendenz als Themen in der Biografiearbeit

Rotwein Cuvee, aus den Rebsorten: Merlot, Spätburgunder, Dornfelder
Die Gegensätze und Verschiedenheiten sind vereint, leben in gutem Miteinander. Oft schon wurde die Begegnung mit den Schatten gewagt und vollzogen. Das eigene Selbst durfte mehr und mehr werden. Weggefährten zu haben und ein Weggefährte zu sein wurde erlebt und verinnerlicht. Verlässlich, stärkend, wärmend, tröstend, weich und charaktervoll, die eigene Form ist gefunden. Oft zu groß, kräftig und gehaltvoll für ganz junge Gaumen und deshalb zurückhaltend und wohlwollend.

In der Bibel wird gesagt, dass im Himmel gefeiert werden wird mit fetten Speisen und kräftigen Weinen. Von allem satt und genug. Mögt ihr so immer wieder Ankunft feiern, die Rückkehr nach Hause, möge das warme Herdfeuer euch empfangen. Ob mit euch selbst allein nach einer gemeisterten Reise, oder mit Weggefährten, die ermuntern zum Austausch, euch aber gleichzeitig verstehen ohne Worte. Mögt Ihr euch nähren an der Fülle des Guten, möge euch voll eingeschenkt werden, wie es im Psalm 23 heißt.

LebensKreise

Modul 5: Verflochtene Geschichten – Biografie im Spannungsfeld gesellschaftlicher, politischer Konfliktlagen

Cabernet Sauvignon – ein besonderes Dessert
Gehört zu den bekanntesten Rebsorten der Welt, aus besonders reifen und süßen Beeren zu diesem Wein ausgebaut. Tolles „Röstaroma“, passt wunderbar zu Schokolade und Kaffee.

Der Wein, wie die Schokolade, erzählen eine einzigartige Geschichte. So verschieden wie köstlich. Ein wundervolles Bild für das Miteinander der Gegensätze, für die Wichtigkeit des Erzählens von biografischen Geschichten. Nur im „Erzählen“, im Kosten, kann ich dem Geheimnis der Verbindung zwischen Verschiedenartigkeit und Zusammenklang auf die Spur kommen.

Reflektion und Zertifikation

Modul 6 und 7: Supervisionswochenenden

Hefebrand, Tresterbrand
Der Kunst des Weinmachens wird die Kunst der Destillation hinzugefügt. Das Verdampfen einer Flüssigkeit, das wieder Verflüssigen, das Entstehen von Neuem. Auch in unserer Weiterbildung war es immer wieder Thema, Dinge voneinander zu trennen, sie aus einer anderen Perspektive zu sehen, sie „gehen zu lassen“, um sie neu zu integrieren ins Leben. Wir haben verdaut, verdichtet, verinnerlicht, haben gegeben, genommen und geteilt und sind allesamt reicher geworden.

So wie ein Jahr beginnt und endet und einem neuen Platz macht, so hat unsere Weiterbildung begonnen, uns getragen und uns gelehrt und uns wieder zu neuen Wegen entlassen. Sie hat uns herausgefordert, zu Aufbrüchen geführt, uns reich gemacht und weitergeführt in unserer Reise zu uns Selbst. Alle gehobenen Schätze sind nun ein Teil von uns. Nichts Wertvolles geht verloren. Neue Lebenskreise werden beginnen und auch sie werden uns vor die Frage stellen: Willst Du?

Ein neuer Ruf, eine neue Schwelle und die Schritte wollen neu gegangen werden. Neuer Anfang, neues Wachsen, und wieder Reifen und Verinnerlichen, ein Weiterarbeiten an unseren ureigenen Themen und ein Weitergehen auf dem Weg zu uns Selbst.

Text: Susanne Ringeisen I Fotos: Holger Schindler